Publikum

Publikum

Lula Leitloff

4. FORUM Familienfreundlichkeit – Fachveranstaltung „Familien auf der Flucht suchen ein Zuhause“

Rund 70 an der Fachveranstaltung „Familien auf der Flucht suchen ein Zuhause“ Interessierte konnte der Hauptamtliche Kreisbeigeordnete Stephan Aurand im neuen Kreistagssitzungsaal begrüßen.

Aurand bedankte sich bei den vielen engagierten Ehren- und Hauptamtlichen im Lahn-Dill-Kreis, mit deren Unterstützung die Aufgaben in der Flüchtlingshilfe gestemmt und neue Lösungen gefunden werden konnten.

Götz Konrad, Sprecher der Arbeitsgruppe familienfreundliche Städte und Gemeinden, freute sich, bereits zum vierten Mail zum FORUM FAMILIENFREUNDLICHKEIT einladen zu können. Premiere: Das Bündnis für Familie konnte – vor der konstituierenden Sitzung! – den neuen Kreistagssitzungssaal nutzen. Von vorne in den Saal geblickt, ergab sich für Konrad ein ganz neues Bild – ein buntes Bild. Dies entsprach der fachlichen Ausrichtung des Forums, das das Thema „Familien auf der Flucht“ stärker in den Fokus nehmen möchte. Die folgenden Praxisbeispiele zeigen gelungene Projekte aus dem Lahn-Dill-Kreis, die zum Nachahmen und damit zur gelungenen Integration von Flüchtlingsfamilien in unseren Landkreis anregen sollen. 

Lula Leitloff von der Schreibwerkstatt Herborn gibt mit dem Projekt „Schreiben mit Flüchtlingen“ den thematischen Input in die Arbeit mit Flüchtlingen. Die Schreibwerkstatt Herborn  – gegründet von Sascha Kirchoff, der leider aus Krankheitsgründen als Referent verhindert war – verleiht Menschen am Rand der Gesellschaft mit ihren aufgeschriebenen Lebensgeschichten eine Stimme. Kirchoff hat 2014 für das Stimmgeber Projekt den Hessischen Landespreis für Bürgerengagement und 2015 für die Schreibwerkstatt den Elisabeth Preis der Diakonie gewonnen (Das Büchlein zum Flüchtlingsthema ist bei der Buchhandlung Rübezahl in Dillenburg für 4 Euro erhältlich).

Die Integration der Familien auf der Flucht beginnt mit Sprachkursen, denn die Sprache ist der Schlüssel zur Integration. Doch durch unterschiedliche Zuständigkeiten, durch zeitaufwendiges Registrieren und Asylverfahren sowie durch die Abhängigkeit der Herkunft und die dadurch verbundene Bleibemöglichkeit ergeben sich unterschiedliche Spracherwerbs-Angebote für die Flüchtlinge. Eine wichtige Rolle gegen das zunehmende „Sprachproletariat“ nehmen die 700 Ehrenamtlichen der Flüchtlingshilfe in Mittelhessen ein, die mit ihren Sprachkursangeboten Menschen eine Chance geben, mit der Integration in die Gesellschaft weiter voranzukommen. „Wir können so nicht weitermachen und die jungen Flüchtlinge in ein Loch fallen lassen“, kritisiert Bettina Twrsnick die aktuelle Situation.

Isabel-Theres Spanke und Leonie Georg, Caritasverband Wetzlar / Lahn-Dill-Eder, stellen die vernetzte Arbeit im „Arbeitsfeld Flüchtlinge und Ehrenamt Dillenburg“ vor. Ausgehend von den Bedarfen der Frauen, Männer und Kinder wurden jeweils Angebote geschaffen, die den Flüchtlingen helfen, Sicherheit, Beständigkeit, Wohnraum, Akzeptanz und Integration wieder zu erleben. Aber auch das Thema der Abschiedskultur gehört zum Aufgabenbereich, verdeutlicht Spanke, „Kein angenehmes Thema, aber eins, dem wir uns stellen müssen!“ Gelungene Flüchtlingshilfe heißt, dass sich alle zivilgesellschaftlichen Akteure vernetzen.

Die Vernetzungsnotwendigkeit sieht Cornelia Glade-Wolter als ebenso wichtig an. In Herborn werden viele Einzelaktivitäten des Ehrenamtes miteinander gebündelt, um so effizienter arbeiten zu können. Mit der Fahrradwerkstatt z. B. können geflüchtete Menschen genauso wie finanziell schlechter gestellte Menschen erreicht werden. Die eher fahruntüchtigen Fahrräder, gespendet oder aus dem Fundbüro, werden gemeinsam fachkundig hergerichtet. Sie dienen nach der erfolgreichen Reparatur als wichtiges Mobilitätsmittel und erweitern den Aktivitätsraum besonders im ländlichen Raum.

Manfred Weber zitiert die Imagekampagne des Handwerks: „Bei uns zählt nicht, wo man herkommt, sondern wo man hin will!“ Dies passt genau zu der „Förderung der Ausbildung von jungen Flüchtlingen im Handwerk“; 16 Flüchtlinge, von 19 bis 51 Jahre alt, konnten innerhalb von vier Monaten im Berufsbildungszentrum mit angehängtem Praktikum das DVS-Schweißer-Zertifikat erlangen, berichtet Weber. Begleitet wurde die Ausbildung mit einem abgestimmten und fachspezifischen Sprachkurs. Das Ziel, Nachwuchskräfte zu gewinnen, konnte somit für das Handwerk erfolgreich umgesetzt werden.

Sabine Theis, Kindertagesstätte der Arbeiterwohlfahrt in Dillenburg, referiert anschaulich über das Eingewöhnen des fünfjährigen afghanischen Flüchtlingsjungen Zahid – „Zahid ist ein geflohenes Kind und in erster Linie ein Kind – Beispiel eines Kindes mit Fluchterfahrung“ –, der genauso wie alle anderen Kinder eine eigene Kindheit leben will. Der Unterschied ist, dass Zahid Fluchterfahrungen erlebt hat und damit besonders umgegangen werden muss. Jedes Kind bringt seine eigene Lebensgeschichte und Erfahrung in die Kindertagesstätte mit, erklärt Theis, der es wichtig ist, Menschen unterschiedlicher Herkunft neue Begegnungen zu ermöglichen und den Austausch untereinander zu gewährleisten.

Bianca Seißler, DRK Kreisverband Dill, leitet die soziale Betreuung in der Notunterkunft Herborn. Sie und ihre Kollegen sind Ansprechpartner für alles Alltägliche wie Angebote für die Tagesstruktur zu koordinieren, Tipps von Verhaltensweisen zu vermitteln, Einkaufsmöglichkeiten zu erschließen etc. Dabei wurden u. a. auch kreative Lösungen in Konfliktsituation entwickelt, wie die Runde der „Sprecher aus allen Ländern“, die sich bei Problemen im Camp zusammensetzen, um Lösungen zu finden. „So eng wie wir arbeiten nie wieder Menschen mit den Flüchtlingen zusammen!“, fasst es ein Mitarbeiter des DRK zusammen.

Im Anschluss konnten alle Projekte im Kreistagssitzungsaal besucht und ausgiebig Erfahrungen miteinander ausgetauscht werden. 

 

Zum Hintergrund:

Die "AG familienfreundliche Städte und Gemeinden" des Bündnisses für Familien im Lahn-Dill-Kreis hat am 04.10.2011 erstmals alle Kommunen im Kreis zu einem "FORUM Familienfreundlichkeit" eingeladen. Ziel der Veranstaltung bestand darin, kommunale familienfreundliche Projekte vor Ort vorzustellen und sich anschließend interkommunal miteinander auszutauschen. In dieser Tradition wurde das 4. FORUM durchgeführt.

Familienfreundlichkeit – ein Gewinn für alle!“ Unter diesem Motto wurde das Bündnis für Familie im Lahn-Dill-Kreis am 11. November 2005 gegründet. Viele PartnerInnen aus den Kommunen, dem Kreis, den Unternehmen, den Gewerkschaften, der Arbeitsagentur, des Kommunalen Jobcenters, der Industrie- und Handelskammern, der Handwerkskammer, der Politik, der Gesellschaft, der Kirchen, der Vereine und der Wohlfahrtsverbänden arbeiten seit der Gründung aktiv an der Umsetzung familienfreundlicher Ideen und Initiativen. Gemeinsam gilt es, neue Ansätze zu finden, um im Lahn-Dill-Kreis ein familienfreundliches Bewusstsein zu schaffen.

Ansprechpartnerin beim Lahn-Dill-Kreis für Fragen zum Thema: Meike Menn, Tel.: 06441 407 1222, E-Mail: meike.menn@lahn-dill-kreis.de.